Domstift Naumburg

Ergebnis einer einmaligen Verlegung eines Bischofsitzes

Domstift Naumburg

Ergebnis einer einmaligen Verlegung eines Bischofsitzes

Eine beispiellose Familienstiftung des Mittelalters führte 1028 zur Verlegung des Bischofsitzes von Zeitz nach Naumburg. Begünstigt durch seine Lage an wichtigen Handelsrouten wie der via regia entwickelte sich der Naumburger Bischofsitz zum Zentrum einer einzigartigen hochmittelalterlichen Kulturlandschaft, die bis heute erlebbar ist. Der Naumburger Dom ist Wahrzeichen einer ganzen Region und zählt zu den bekanntesten Kirchenbauten des Mittelalters. 

Gründung im Schutz der ,,neuen“ Burg

Um das Jahr 1000 errichteten die ekkehardinischen Markgrafen von Meißen auf einem Plateau am östlichen Saaleufer eine neue Burg: die Nuwenburch. Damit legten sie nicht nur den Grundstein für die weitere Entwicklung von Stadt und Stift Naumburg, sondern rückten die junge Ansiedlung zugleich in das Zentrum eines gewaltigen Herrschaftsgebietes, das sich von der Saale bis zur Oder erstreckte. Dem neuen Ort fehlte jedoch noch die angemessene sakrale Würde. Daher bemühten sich die Markgrafen um die Verlegung des bereits im Jahr 968 im etwa 35 Kilometer entfernten Zeitz gegründeten Bischofsitzes nach Naumburg. Mit Zustimmung von Papst und Kaiser und unter dem Hinweis auf die ständige Gefahr durch slawische Überfälle erfolgte im Jahr 1028 die bis dahin in der Reichsgeschichte beispiellose Verlegung des Zeitzer Bischofsitzes in den Schutz der neuen Burg.

Im Gegenzug stattete die Familie der Ekkehardiner das neue Naumburger Hochstift mit umfänglichen Besitzungen aus und ermöglichte so den Bau des ersten frühromanischen Naumburger Domes. Aufgrund dieser einzigartigen Familienstiftung wurden die beiden Markgrafenbrüder Hermann und Ekkehard II. sowie ihre Frauen Reglindis und Uta während des gesamten Mittelalters als primi fundatores – als erste Stifter des Naumburger Domes verehrt. Der Naumburger Meister setzte ihnen mit den Stifterfiguren im 13. Jahrhundert ein einzigartiges Denkmal. 

Vertraute des Königs – die ersten Naumburger Bischöfe

Die ersten Naumburger Bischöfe stammten aus dem unmittelbaren Umfeld des Königshofes. Als Kapläne und Kanzleischreiber erfüllten sie wichtige Verwaltungsaufgaben für den stets umherreisenden Herrscher, bevor sie als dessen enge Vertraute wichtige Bischofsämter übernahmen. Doch auch nach ihrer Erhebung auf den Bischofsthron blieben die meisten Naumburger Oberhirten an der Seite des Herrschers, dienten ihm als Ratgeber auf Reisen in Deutschland und Italien und folgten ihm sogar auf Kreuzzüge ins Heilige Land. Als der exkommunizierte Kaiser Heinrich IV. im Jahr 1077, von allen Mächtigen seines Reiches verlassen, im Büßergewand vor der Burg Canossa dem Papst um Vergebung bat, war der Naumburger Bischof Eberhard der letzte Reichsbischof, der treu an seiner Seite stand. Die besondere Wertschätzung durch den König drückte sich in zahlreichen Schenkungen an die Naumburger Bischofskirche aus.  

Die weltberühmten Stifterfiguren des Naumburger Meisters

Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts konzentrierten sich die Naumburger Bischöfe zunehmend auf den inneren Ausbau der Diözese. Neben der Gründung von zahlreichen neuen Kirchen stand die Erweiterung des Herrschaftsbereiches von Bischof und Domkapitel im Mittelpunkt der Bemühungen. Der Neubau des Naumburger Domes zwischen1200 und 1250 ist Beleg der herausgehobenen Stellung der Naumburger Geistlichkeit und markiert zugleich den Höhepunkt der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte des Domstifts im Hochmittelalter. Für die Vollendung der neuen Kathedrale konnte mit dem Naumburger Meister einer der bedeutendsten Bildhauer und Architekten der Gotik gewonnen werden. Die von ihm geschaffenen Passionsreliefs des Westlettners und der Zyklus von 12 Stifterfiguren im Westchor zählen zu den Höhepunkten der mittelalterlichen Kunst in Europa. Weltruhm erlangte die Figur der Markgräfin Uta. 

Spätmittelalterlicher Nachglanz

Mit dem Umzug der Naumburger Bischöfe zurück in ihre ehemalige Zeitzer Residenz im Jahr 1285 wurde das Domkapitel zur bedeutendsten politischen und kulturellen Kraft in Naumburg. Der spätmittelalterliche Naumburger Dom wurde zur Kirche der Domherren, die maßgeblichen Anteil an der künftigen Ausgestaltung nahmen. Im Umfeld des Domes erbauten sich die meist adeligen Geistlichen prächtige Domherrenhöfe, die Kurien genannt werden. Diese Hofanlagen waren kleinen Burgen ähnlich und verfügten über große Wirtschaftsgebäude, ausgedehnte Gärten und sogar private Kapellen. Bis heute hat sich in Naumburg ein beeindruckendes Ensemble dieser Kurien erhalten, die den Naumburger Dom wie ein Kranz umziehen.

Martin Luther und der erste evangelische Bischof der Welt

Obwohl die Reformation in der Naumburger Diözese eine schnelle Verbreitung fand, gelang es dem Domkapitel hartnäckigen Widerstand gegen die neue Lehre zu leisten. Unbeeindruckt von den religiösen Wandlungen in seiner unmittelbaren Umgebung wählte es im Jahr 1541 mit Julius von Pflug einen neuen katholischen Bischof. Der protestantische Kurfürst von Sachsen wollte jedoch ein Zeichen setzen und bestimmte Nikolaus von Amsdorf, einen Theologen  aus dem Freundeskreis Luthers, zum Naumburger Bischof. So kam es am 20. Januar 1542 in Naumburg zu einem Schlüsselereignis der Reformationgeschichte. Am Kreuzaltar des Domes führte der betagte Reformator Martin Luther in Anwesenheit des Kurfürsten und der gesamten Wittenberger Prominenz den ersten evangelischen Bischof der Welt in sein Amt ein.

Das Naumburger Domstift in der Neuzeit

Die Nachfolge der Bischöfe traten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts so genannte evangelische Administratoren an, die den einstigen weltlichen Herrschaftsbereich der Bischöfe verwalten sollten. Die Administratoren stammten stets aus der sächsischen Herrscherfamilie der Wettiner und bemühten sich das Naumburger Stift ihrem sächsischen Erbland einzuverleiben. Dem Naumburger Domkapitel ist es jedoch allen äußeren Widerständen zum Trotz gelungen seine Existenz zu sichern. Obwohl den verbliebenen katholischen Domherren nur noch Lutheraner nachfolgten, wurden viele aus dem Mittelalter stammende Gewohnheiten und liturgische Praktiken in die Neuzeit übernommen. Vor allem konnte sich das Kapitel seinen souveränen juristischen Status formal bewahren, indem es auch weiterhin das Recht zur Wahl der Administratoren wahrnahm. 

Vom Stift zur Stiftung

Mit dem Übergang eines Großteils der sächsischen Territorien an Preußen nach dem Wiener Kongress von 1815 schien das Ende der letzten noch in Mitteldeutschland verbliebenen  Domstifte kurz bevorzustehen. Die preußische Regierung musste jedoch schnell feststellen, dass die Verwaltungen der Domstifte seit Jahrhunderten vielfältige hoheitsrechtliche Aufgaben u.a. als Gerichtsherren erfüllten sowie Kirchen und Schulen unterhielten. Daher wurden die Domstifte in die neue preußische Provinzialverwaltung eingegliedert, anstatt aufgelöst zu werden.

Der rechtliche Status der Stifte blieb indes über ein Jahrhundert ungeklärt. Erst im Jahr 1930 wurde mit der Umwandlung der Institutionen in Stiftungen öffentlichen Rechts eine neue und zeitgemäße Existenzgrundlage geschaffen. Der letzte Naumburger Domdechant war der ehemalige Vizekanzler des Deutschen Kaiserreichs Arthur von Posadowsky-Wehner (1845-1932). Erster Dechant des neugebildeten Vereinigten Domkapitels mit Sitz in Naumburg wurde 1935 Generalfeldmarschall August von Mackensen (1849-1945). Nachdem die bis dahin formal eigenständigen Stiftungen im Jahr 1994 zu einer einzigen Körperschaft zusammengeführt wurden, ist das Naumburger Domstift heute Teil der Vereinigten Domstifter zu Merseburg, Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz.